Taufe von Hermann Vischer aus der Stadtkirche St. Marien, Lutherstadt Wittenberg – Translozierung, Restaurierung und Konservierung

Eines der ältesten Stücke der Ausstattung der Kirche St. Marien in Wittenberg ist das Taufbecken des Nürnberger Bildhauers und Gießers Hermann Vischer d.Ä. von 1457 (H: 136 cm; Ø: 88,5 cm).

Die Taufe mit ihrem ikonologisch komplex ausgeführten Bildprogramm gehört zu den frühen Meisterwerken von Hermann Vischer und darf auch auf Grund der qualitätsvollen Gusstechnik als eine der herausragenden deutschen Metallgußarbeiten aus der Mitte des 15. Jh. bezeichnet werden.

Blick in den Chor von St. Marien

Blick in den Chor von St. Marien

Die Taufe von Hermann Vischer von 1457 nach Abschluss der Maßnahmen

Die Taufe von Hermann Vischer von 1457 nach Abschluss der Maßnahmen

Die etwa 80 Teile der Taufe sind aus Messing gegossen und wurden fein ziseliert und graviert. Die meisterhafte Gusstechnik und die feine Oberflächenbearbeitung ließen die Fügenähte zum Zeitpunkt der Entstehung nur schwer erkennen- die Taufe wirkte „wie aus einem Guss“. Ursprünglich war die Taufe zudem zu großen Teilen feuervergoldet. Die zahlreichen Kontaktflächen und Verbindungsstellen der einzelnen Gussteile sind individuell aufeinander abgestimmt.

Erkenntnisse während der aktuellen restauratorischen Bearbeitung

Im Laufe der aktuellen Reinigungs- und Konservierungsarbeiten (s.u.) wurde beobachtet, dass die zahlreichen zueinander gehörigen Einzelteile mit einer jeweils übereinstimmenden Anzahl an Meißel-Kerbschlägen und Körnerpunkten markiert sind, damit die einzelnen Passungen zugeordnet werden konnten. Ausgehend von dieser Beobachtung wurde nachgewiesen, dass die Apostelfiguren in den Flächen des oktogonalen Taufbeckens ihren ursprünglichen Standort im Laufe der Zeit gewechselt haben und gegeneinander ausgetauscht wurden. Gründe für diesen Platzwechsel sind nicht bekannt.

Translozierung

Die Taufe sollte näher zur Gemeinde und exponiert auf eine eigens hergerichtete Aussparung in der Stufenanlage zum Chorraum gesetzt werden. Die durchgeführte Hebeaktion musste auf Grund der stellenweise aufkorrodierten Fügenähte und weiterer Risse im Material möglichst behutsam und mit gleichmäßiger Lastenverteilung erfolgen. Für das Umsetzen wurde ein eigens angefertigter Stahlrohrrahmen als Hebe- und Transportgestell verwendet. In diesen Rahmen wurde das Taufbecken durch vielfache Abspannungen eingebunden. Die auf diese Weise stabilisierte Taufe konnte nun sicher an ihren neuen Standort gelangen.

Reinigung und Konservierung

Lose aufliegende Verschmutzungen wurden mittels Freilegepinseln und Bürsten abgenommen und anschließend abgesaugt. Anhaftende Putzmittelreste und wachsige Anlagerungen wurden in einem zweiten Schritt mit einem Lösemittelgemisch aus aromatenfreien Kohlenwasserstoffen angelöst und mechanisch entfernt. Die mit Ethanol nachgereinigte und entfettete Oberfläche wurde abschließend mit einem mikrokristallinen Wachs beschichtet und frottiert.

Kupfertreibarbeiten

Deformationen der sehr gut erhaltenen, innen liegenden und aus Kupfer getriebenen Taufschale wurden in originaler Technik mittels Treibhämmern gerichtet. Ebenfalls in traditioneller Treibarbeit und damit zum Bestand passend wurde ein reversibler Verschluss der Ablaufbohrung der Taufschale neu angefertigt, um einen Schmutzeintrag in das darunterliegende Becken zu verhindern.

Transport der Taufe

Transport der Taufe

Rekonstruktion in traditioneller Kupfertreibarbeit

Rekonstruktion in traditioneller Kupfertreibarbeit

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